Brihdy, 2016

Posted on: Juli 13th, 2016 by alfredo

English version below

Brihdy, 2016
Galerie unttld contemporary, Wien / AT
Text: Georgia Holz
Eine Mise-en-scène in drei Akten

Alfredo Barsuglias künstlerische Praxis ist nicht auf eine „Gattung“ reduziert, sie ist gekennzeichnet von der bewussten Vermischung der Medien: Man könnte sie durchaus als hybrid bezeichnen. Der Erfindungsreichtum des Künstlers kennt keine Grenzen, und seine Rolle scheint eher der eines Theaterregisseurs zu entsprechen. Für die Ausstellung Brihdy hat Barsuglia eine räumlichen Inszenierungen geschaffen, die sich am ehesten mit dem im Film oder Theater verwendeten Begriff Mis-en-scène beschreiben lässt – eine präzisen Bildkomposition, die die Anordnung der Protagonist_innen und Dinge im Raum, die Farb- und Lichtgestaltung, Ausstattung, Kostüme ebenso einschließt wie die Schauspielerführung, den Gesang und die Dramaturgie. Die gesamte Galerie fungiert als Bühne für eine idiosynkratische Wirklichkeitsillusion, in der jedes Detail symbolische Bedeutung hat, die nur darauf wartet, entziffert und dechiffriert zu werden.
Barsuglias „Bühnen-Bild“ erstreckt sich über zwei Ebenen, die durch eine Art performativen Kreislauf miteinander verbunden und während der Ausstellungseröffnung von vier Protagonist_innen – dem Künstler, zwei Schüler_innen einer Gesangsschule (Deniz Haimayer, Simon Stabauer) und einem Opernsänger (Stefan Zenkl) – „bespielt“ werden. Die Zweiteiligkeit ist letztlich, wie bei den meisten Installationen des Künstlers, der Ortspezifik des Galerieraums geschuldet.
Der kojenartige, autarke Arbeitsbereich im Erdgeschoss der Galerie erinnert an ein Studiolo und enthält auf engstem Raum alles, was der Künstler zum Arbeiten braucht. Während der Ausstellungseröffnung sitzt Barsuglia in diesem Zufluchtsraum und „produziert“ Scherenschnitte ohne mit den Besucher_innen in Kontakt zu treten. Dies tut er lediglich über seine Kunst, indem er die fertig gestellten Zeichnungen in ballonartigen, mit Helium gefüllten Behältnissen in das Obergeschoss des Ausstellungsraumes schweben lässt, wo die Kinder sie in Empfang nehmen.
Auf der zweiten Ebene hat Barsuglia eine Art Parcours aus Objekten installiert, die er in der Natur gefunden und manipuliert hat. Sie sind Kunstobjekte und Spielzeug zugleich, bestechen durch ihre kunstvolle, handwerkliche Bearbeitung. Zwei lange Stöcke, mit denen die Kinder die Zeichnungen „fischen“, wurden an ihrer Oberfläche veredelt und die geweißten Spitzen glattpoliert wie Keramiken. Ein großer Ast, zur Harfe umfunktioniert, und mit Rinderblut gefärbte Holzstäbe dienen den Kindern ebenso als Spielzeug. Daneben eine hybride Skulptur aus Beton und Ziegelmasse, von der Natur selbst geformt, von der Strömung der Donau. In ihren Rissen hat der Künstler Petersilie gepflanzt. Überhaupt finden sich in der gesamten Inszenierung immer wieder Pflanzenzöglinge in Glasbehältnissen, die wie alle anderen „Requisiten“ in der Natur gefundenen, manipuliert und „domestiziert“ wurden. Nichts ist in seinem ursprünglichen Zustand belassen, alles durch die Hand des Künstlers bearbeitet.
Auch das scheinbar beiläufige Spiel der Kinder erfüllt durchaus den Zweck der künstlerischen Produktion: Von einer Schaukel in Form eines Jutesacks aus, malen sie an einem Bild weiter, das der Künstler begonnen hat. Auch hier spielt die Natur eine Rolle, denn die rötliche Farbigkeit rührt von den verwendeten Beeren, Blättern und Gräsern. Ein augenzwinkernder, spielerischer Verweis auf die Kunstgeschichte, die gestische Malerei des Action Paintings. Wann immer eine der von Alfredo Barsuglia gefertigten Scherenschnitte bei den Kindern ankommt, unterbrechen sie ihre spielerische Tätigkeit und stimmen ein neues Lied an, dessen Text eher an ein „Anti-Arbeiterliedes“ erinnert.
Den dritten Part in dieser Aufführung verkörpert ein klassisch ausgebildeter Sänger, dem die Kinder die Zeichnungen übergeben. Wie beiläufig fungiert er auch als lebender Sockel für eine Videoarbeit Barsuglias, die auf dem Tablet in seinen Händen zu sehen ist: ein „Tanzstück für Finger und Holz“. Sobald er die Zeichnungen in Empfang nimmt, stimmt auch er ein Lied an und bewegt sich mithilfe einer Hängevorrichtung, deren Gegengewicht aus einem Sack voll Erde besteht, auf die untere Ebene der Galerie. Er tritt als das kommunikative Alter Ego des Künstlers auf und preist mit seinem Lied die Kunst an: Brihdy! – Oh wie schön! – Ein Werk ist da! – Ich freue mich, – Es gibt mir Sinn! – Schluss mit Ruhe; – Dem sinnlosen Getue. Er schließt den „Kunstkreislauf“ indem er die Scherenschnitte endlich ihrer Bestimmung übergibt: den Besucher_innen der Ausstellung. Schließlich beginnt das Schauspiel von neuem und der Sänger kehrt an seinen Ausgangspunkt zurück.
Diese vielteilige Mis-en-scéne trägt insofern zur Erweiterung des Kunstbegriffs bei, als der Künstler keine Unterscheidung zwischen alltäglichen, gefundenen, handwerklich bearbeiteten und Kunstobjekten macht; jeder Teil ist gleich relevant, wie ein Requisit für die Ausstattung eines Films oder Theaterstücks. Gleichzeitig konterkariert die aufwändige Inszenierung die Funktion der Galerie als Ort kommerzieller Interessen und reorganisiert die Logik ihrer Verwertungsmechanismen. Der Galerie durchläuft, zumindest für einen Abend, eine Transformation zu einem Ort der Produktion, dessen „Produkt“, die Scherenschnitte, verschenkt werden. Selbst die Malereien und Zeichnungen des Künstlers werden als Requisiten dieser Szenerie wie beiläufig zur Aufführung gebracht und während der Dauer der Performance laufend ausgetauscht. Der Titel der Ausstellung – ein Anagramm von Hybrid – reflektiert diese Mechanismen der Befragung und Umkehrung.

Brihdy Video

 

 

Brihdy, 2016
Galerie unttld contemporary, Vienna / AT
Text: Georgia Holz
A mise-en-scène in Three Acts

Alfredo Barsuglia’s artistic practice is not reduced to a single “genre”, it is characterised by a conscious mixing of media: one could aptly describe it as hybrid. There are no limits to the artist’s ingenuity and his role seems to be more in keeping with that of a theatre director. For the exhibition Brihdy Barsuglia has created a space that in film and theatre would be described as a mis-en-scène – a precise pictorial composition that entails arranging the protagonists and props in space, coordinating the colour scheme and lighting design, creating the scenery and costumes as it does the directing of the actors, the vocals and the dramaturgy. The whole gallery serves as a stage for an idiosyncratic illusion of reality in which every detail possesses a symbolic meaning that awaits to be decoded and deciphered.
Barsuglia’s “stage(d)-picture” spans two levels, connected to one another by a kind of performative loop and “played upon” at the exhibition opening by four protagonists – the artist, two young students of a vocal academy (Deniz Haimayer, Simon Stabauer) and an opera singer (Stefan Zenkl). The division into two parts is ultimately, as in most of the artist’s installations, due to the specifics of the gallery space.
The bunk-like, self-contained working area on the gallery’s ground floor recalls a studiolo and contains in the tightest of spaces everything an artist needs to work with. During the exhibition opening Barsuglia sits in this tiny shelter and “produces” silhouettes without initiating any contact to the visitors. He does this solely through his art, placing the completed drawings in balloon-like containers filled with helium and letting them float up to the upper storey of the exhibition space, where the children take delivery of them.
On the upper level Barsuglia has installed a kind of obstacle course out of objects he found in nature and subsequently handled in different ways. They are art objects and playthings at once, visually captivating thanks to the ornately crafted workmanship. Two long sticks, which the children use like fishing poles to “catch” the drawings, have had the details of their surfaces delicately enhanced and the whitened tips polished smooth like glazed ceramics. A large tree limb, converted into a harp, and wooden sticks dyed in cattle blood, also serve as playthings for the children. Next to them stands a hybrid sculpture out of concrete and a mass of bricks, formed by nature itself, the current of the Danube. The artist has planted parsley in the cracks. And indeed, throughout the whole scenery one comes across young plants in glass containers, which like all the other “props” were found in nature, handled by the artist and so “domesticated”. Nothing is left in its original state, everything has been worked on by the artist.
Even the seemingly casual play of the children serves the purpose of the artistic production: from a swing made out of a jute sack they continue painting a picture the artist had begun. Here, too, nature plays a role, for the reddish colours stem from berries, leaves and grasses. A tongue-in-cheek, playful allusion to art history: the gestural style of Action Painting. Whenever one of the silhouettes completed by Alfredo Barsuglia reaches the children, they interrupt their play and strike up a song, the lyrics of which are more like an “anti-protest song”.
The third part in this performance is played by a classicallytrained singer, to whom the children hand over the drawings. As if it were quite normal, he also functions as a living pedestal for a video work by Barsuglia, which can be viewed on the tablet he holds in his hands: “dance piece for finger and wood”. As soon as he receives the drawings he also strikes up a song and is lowered – aided by a hanging construct counterweighted by a sack of earth – to the lower level of the gallery. He plays the part of the artist’s communicative alter ego and with his song praises art: Brihdy! – Oh, how wonderful! – A work is there! – I’m thrilled – It gives me meaning! – Finally an end to the quiet – The meaningless fuss. He closes the “art loop” by finally handing over the silhouettes to whom they were made for: the visitors of the exhibition. And then it all begins again and the singer is hauled back up to the upper level.
This multipart mis-en-scéne contributes to broadening the concept of art insofar as the artist makes no distinction between the everyday objects he has found and worked over and art objects; each piece is equally relevant, much like the props for the setting of a film or a play. At the same time, the elaborate staging runs counter to the gallery’s function as a place where commercial interests take precedence, thus also reorganising the logic of its mechanisms of gainful utilisation. The gallery undergoes, for an evening at least, a transformation, becoming a place of production, and the “product” created, the silhouette drawings, are given away. Even the paintings and drawings of the artist are themselves presented – one could perhaps even say enacted – in passing, for as props in the setting they are swapped continuously during the performance. The title of the exhibition – an anagram of ‘hybrid’ – reflects this mechanism of constantly questioning and inverting.

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