Cabinet, 2015

Posted on: Juli 12th, 2016 by alfredo

English version below

Cabinet, 2015
MAK – Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst, Wien / AT
Text: Marlies Wirth

Für seine Einzelausstellung im MAK entwickelte der Künstler Alfredo Barsuglia eine komplexe architektonische Installation, deren thematische Ebenen sich vielschichtig überlagern. In für seine Arbeit charakteristischer Weise verknüpft Barsuglia dabei Elemente des Gewohnten mit dem Unerwarteten und lotet die Grenzzonen und Übergänge zwischen Öffentlichkeit und Privatheit aus.
Der Begriff „Cabinet“ bezeichnet einen kleinen Raum, der im 18. Jahrhundert durch die neu wahrgenommenen Anforderungen an die Privatsphäre im Kontext der standardisierten Repräsentationsräume der französischen Barockarchitektur geprägt wurde. In unmittelbarer Nachbarschaft zum privaten Schlafzimmer gelegen, galt das „Cabinet“ als intimer Raum, der dem offiziellen Protokoll entsprechend nicht von BesucherInnen betreten werden durfte. Das „Cabinet“ hat seine Wurzeln im „Studiolo“ der italienischen Renaissancezeit und diente – analog zum feminin konnotierten „Boudoir“ – als Rückzugsraum und Arbeitszimmer für einen Mann. Dem neugewonnenen Bestreben nach Rückzug und Privatheit lag das Gedankengut der Humanisten zugrunde, die in der Verbindung von Bildung und Wissen mit positivem Verhalten die optimale Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten sahen, über die sie ein idealisiertes Weltbild definierten. Der Ort diente somit der Einkehr und dem Nachdenken, an dem sein Bewohner – ganz im Sinne des Humanismus – seinen Beschäftigungen mit Büchern, wissenschaftlichen Unterlagen und (Kunst-)Gegenständen ungestört nachgehen konnte.
Barsuglias Cabinet ist ein artifizielles Setting inmitten des Museums, das den Ausstellungsraum in eine Abfolge privater Wohnräume transformiert. Wie ein Regisseur inszeniert Barsuglia das räumliche und gedankliche Eindringen in die Privatsphäre eines fiktionalen Bewohners, vielleicht des Künstlers selbst, indem die BesucherInnen durch eine vielschichtig verwobene Narration geleitet werden, die durch individuelle Assoziationen immer wieder neu erzählt wird. Während die ersten Räume noch weitgehend karg möbliert sind, verdichtet sich die Installation bei der weiteren Annäherung immer mehr und kulminiert im Hauptraum, wo sich die Spuren menschlicher Präsenz und spezifischer Interessen zu einem möglichen Bild über den erdachten Bewohner zusammenfügen. Jeden Dienstagabend können BesucherInnen (max. fünf gleichzeitig) bei einem Abendessen mit dem Künstler im Cabinet die Installation auf ihre ganz persönliche Weise erleben.
Mit gezielten Realitätsbrüchen – Fensterausblicken in die Mojave-Wüste – entspinnt der Künstler einen zusätzlichen Handlungsstrang, der auf einer weiteren inhaltlichen Ebene auf die Frage nach Rückzug, Autonomie und persönlicher Bestimmung des Menschen im Kontext einer zunehmend globalisierten Welt verweist. In der Mojave-Wüste um Los Angeles finden sich bis heute die Relikte und Ruinen von Behausungen, sogenannten „Homesteads“, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts im Rahmen des „Homestead Act“ der USA errichtet worden waren. Die Regierung hatte allen volljährigen BürgerInnen der USA das Recht eingeräumt, sich auf einem etwa 160 Acres (ca. 64 Hektar) großen, bis dahin unbesiedelten Stück Land niederzulassen und es selbstständig zu bewirtschaften. Der heute verwendete Begriff des „Homesteading“ definiert sich über größtmögliche Autonomie (bis hin zu Autarkie) im Sinne eines nachhaltigen Lebensstils. „Homesteading“ basiert auf der Idee der Selbstversorgung ohne Rückgriff auf das öffentliche Versorgungssystem, oft unter Berücksichtigung erneuerbarer Energieformen (bis hin zum Leben „off the grid“, das auch den Verzicht auf das öffentliche Stromversorgungsnetz oder die Unabhängigkeit vom Wasser- und Gasnetz impliziert) und Do-It-Yourself-Produktion (von Nahrungsmitteln, Kleidung, Mobiliar etc.). In Referenz zu Henry David Thoreaus bekanntem Werk Walden (1854) exemplifiziert Barsuglia mit seiner Installation, deren Ausstattung er fast gänzlich selbst gebaut hat, seiner eigenen Ideologie entsprechend die Haltung des „Homesteading“ als begehbaren Modellfall und Sinnbild für Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. In Walden schildert Thoreau sein persönliches soziales Experiment und seine Reflektion über den Begriff des einfachen Lebens sowie die Möglichkeit autonomer Selbstversorgung, während er in einer von ihm selbst am Walden Pond, einem See in Massachusetts, errichteten „Cabin“, einer Blockhütte, über zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage in nur drei Kilometern Entfernung vom Haus seiner Familie lebte.
Beim Anblick der verlassenen Häuser in der Wüste mag der Versuch, sich aus der Konsumgesellschaft auch räumlich zurückzuziehen, auf das Scheitern von Aussteigerutopien verweisen. Anders als das autarke Leben in unbesiedelten Gebieten oder am Rande der Gesellschaft versteht sich „Homesteading“ aber als Lebenseinstellung, die in Hinblick auf nachhaltigen Konsum und ökologische Fragestellungen unabhängig vom Lebensmittelpunkt, also auch mitten in der Großstadt, eingenommen und vertreten werden kann. Mit der Auskoppelung aus dem Wirtschaftssystem wird das Bestreben formuliert, individuell einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, indem beispielsweise bestimmte Waren aus ökologisch zweifelhaften Produktionsketten nicht konsumiert werden (wie Fleisch aus nicht artgerechter Tierhaltung oder umweltschädliche Produkte) und bestimmte Lebensbereiche durch das Erlernen einfacher handwerklicher Fähigkeiten (wie beispielsweise Brot Backen, Gegenstände Reparieren und Kleidung Nähen oder einfaches Mobiliar aus Holz Bauen) autonom betrieben werden können.
Die erhöhte Achtsamkeit und genaue Beobachtung des eigenen (Konsum-) Verhaltens führt zur Hinterfragung des Anspruchs auf „Luxusgüter“ sowie der omnipräsenten Verfügbarkeit kurzlebiger Produkte mit deren (falschen) Versprechungen, die ihren Tribut an die Natur und unsere Lebenswelt fordern. In der Reflektion über den Begriff der Eigenverantwortung nimmt Barsuglia eine antikapitalistische Perspektive ein und stellt letztlich die Frage, wie man dieses Bewusstsein in den eigenen Lebensentwurf übertragen kann.

Cabinet Video

 

 

Cabinet, 2015
MAK – Museum of Applied Arts / Contemporary Art, Vienna / AT
Text: Marlies Wirth

For his solo exhibition at the MAK, the artist Alfredo Barsuglia has developed a complex architectural installation, featuring numerous thematic levels that overlap in many respects. In a way that is quite characteristic of his work, Barsuglia links commonplace elements with the unexpected, and probes the frontiers and transitions between the public and private realms.
The term “cabinet” denotes a type of small room that came about during the 18th century in response to the new demands on the private sphere that were perceived in the context of French Baroque architecture’s standard suite of representational rooms. Located in immediate proximity to the private bedchamber, the “cabinet” was viewed as an intimate place, one that official protocol typically defined as being off-limits to visitors. The cabinet has its roots in the “studiolo” of the Italian Renaissance. It served as a workroom and a place of retreat for a man, much like the “boudoir” did for a woman. The newfound desire for withdrawal and privacy was based on the ideas of humanist thinkers, who viewed the optimum realization of human abilities as being tantamount to an ideal world, and attainable via the marriage of education and knowledge to constructive behaviors. This place was thus put in the service of introspection and contemplation, allowing its occupant to devote himself – in keeping with the humanist idea – to books, scientific documents, and various (art) objects, without being disturbed.
Barsuglia’s Cabinet is an artificial setting, in the midst of the museum, that transforms the exhibition space into a sequence of domestic rooms. The artist, proceeding in the manner of a director, stages the spatial and mental penetration of the private sphere of a fictional inhabitant, or perhaps even of his own self, by leading the visitor through a narrative that is interwoven on numerous levels and retold again and again via individual associations. While the first rooms are for the most part sparsely furnished, the installation’s density increases gradually, and eventually culminates in the main room, where the traces of human presence and specific interests come together to create a possible impression of the imagined inhabitant. Every Tuesday evening, visitors (max. five simultaneously) can experience the installation in their own personal ways at an evening meal together with the artist in the “cabinet”.
With deliberate breaks in reality in the form of windows looking out onto the Mojave Desert, the artist unfurls an additional plotline that reflects on retreat, autonomy, and human beings’ personal self-determination in the context of an increasingly globalized world. In the Mojave Desert near Los Angeles, one can find to this day relics and ruins of dwellings (so-called “homesteads”) that had been put up beginning in the late 19th century under a series of US federal laws known as the Homestead Acts. The government gave every adult citizen of the USA the right to settle on ca. 160 acres (ca. 64 hectares) of previously uninhabited land and work it on his or her own. The related present-day term “homesteading” refers to the ideal of achieving the greatest possible degree of autonomy (or even autarchy) in the sense of a sustainable lifestyle.
Homesteading is based on the idea of self-provision without resorting to public infrastructure, and it often entails using renewable energy sources (or even going “off the grid”, i. e. doing without electricity, water, and/or natural gas from the outside) and do-it-yourself production (of food, clothing, furniture, etc.). In reference to Henry Thoreau’s well-known book Walden (1854), Barsuglia’s installation – in which the artist himself constructed nearly all the furnishings – exemplifies a homesteading attitude that conforms to his own ideology, as a walk-in model and a metaphor for independence and self-reliance. In Walden, Thoreau documented his own personal social experiment. This included his reflections on the idea of the “simple life”, and the feasibility of self-sufficiency while spending two years, two months, and two days just three kilometers away from his family’s house, in the cabin that he had built himself on Walden Pond in Massachusetts.
Seeing these abandoned houses in the Mojave Desert might move one to view the attempt to spatially withdraw from consumer society as a utopia that is doomed to failure. In contrast to autonomous living in unsettled areas or on the fringes of society, homesteading is about an attitude toward life that, in terms of sustainable consumption and environmental issues, can be adopted and promoted independent of one’s place of residence, even in the middle of a big city. Disengagement from the economic system expresses the intent to make an individual contribution to society, in ways like refraining from the consumption of certain goods from ecologically dubious production chains (such as industrially raised meat or environmentally destructive products), or becoming more autonomous in certain areas of life by learning crafts and simple hand working skills (such as baking bread, making small repairs, sewing clothing, and building simple wooden furniture).
Greater awareness and close observation of our own (consumption) behavior leads us to question the claims of “luxury goods” and the omnipresent availability of short-lived products and their (false) promises, products that take their toll on nature and on our environment. Barsuglia, in reflecting on the concept of individual responsibility, adopts an anti-capitalist perspective, and ultimately asks how one can transfer this consciousness to one’s own
way of living.

Cabinet video

  1. Attachment ID: 962

    http://www.alfredobarsuglia.com/sadf_dkern_dwi/wp-content/uploads/Cabinet-12.jpg

    image/jpeg

  2. Attachment ID: 886

    http://www.alfredobarsuglia.com/sadf_dkern_dwi/wp-content/uploads/Cabinet-9.jpg

    image/jpeg

  3. Attachment ID: 883

    http://www.alfredobarsuglia.com/sadf_dkern_dwi/wp-content/uploads/Cabinet-8.jpg

    image/jpeg

  4. Attachment ID: 882

    http://www.alfredobarsuglia.com/sadf_dkern_dwi/wp-content/uploads/Cabinet-7.jpg

    image/jpeg

  5. Attachment ID: 890

    http://www.alfredobarsuglia.com/sadf_dkern_dwi/wp-content/uploads/Cabinet-6.jpg

    image/jpeg

  6. Attachment ID: 897

    http://www.alfredobarsuglia.com/sadf_dkern_dwi/wp-content/uploads/Cabinet-31.jpg

    image/jpeg

  7. Attachment ID: 936

    http://www.alfredobarsuglia.com/sadf_dkern_dwi/wp-content/uploads/Cabinet-51.jpg

    image/jpeg

  8. Attachment ID: 933

    http://www.alfredobarsuglia.com/sadf_dkern_dwi/wp-content/uploads/Cabinet-41.jpg

    image/jpeg

  9. Attachment ID: 885

    http://www.alfredobarsuglia.com/sadf_dkern_dwi/wp-content/uploads/Cabinet-2.jpg

    image/jpeg

  10. Attachment ID: 900

    http://www.alfredobarsuglia.com/sadf_dkern_dwi/wp-content/uploads/Cabinet-10.jpg

    image/jpeg

  11. Attachment ID: 1086

    http://www.alfredobarsuglia.com/sadf_dkern_dwi/wp-content/uploads/Cabinet-111.jpg

    image/jpeg

Comments are closed.