Social Pool, 2014

Posted on: Juli 12th, 2016 by alfredo

English version below

Social Pool, 2014
Mojave-Wüste, in Kooperation mit dem MAK Center for Art and Architecture, West Hollywood, CA / USA
Text: Stephanie Weber

Alfredo Barsuglias Social Pool ist ein knapp dreieinhalb Meter langes und eineinhalb Meter breites Schwimmbecken in der südkalifornischen Wüste, das von jedem kostenfrei genutzt werden kann. Formal erinnert das geometrische, schmucklose, weiße Gebilde an eine minimalistische Skulptur. Aufgrund seiner abgeschiedenen Lage in einer dünn besiedelten Gegend – potentiellen Besuchern wird geraten, für die Autofahrt von Los Angeles mehrere Stunden einzuplanen und sich auf „einen langen Fußmarsch“ einzustellen – denkt man unwillkürlich an Land Art-Installationen im amerikanischen Westen: Walter De Marias The Lightning Field in New Mexico, Robert Smithsons berühmte Spiral Jetty oder Nancy Holts Sun Tunnels in Utah. Diese in den siebziger Jahren entstandenen Arbeiten von Künstlern aus New York, schon damals das unumstrittene Zentrum der Kunstszene, richteten sich nicht nur gegen die zunehmende Vermarktung und Institutionalisierung der Kunst (so zumindest der konzeptuelle Anspruch), sondern kritisierten darüber hinaus die weitreichende Zerstörung der natürlichen Umwelt. Barsuglias Werk beruft sich ausdrücklich auf diesen idealistischen Impuls – die Fahrt und der Marsch bieten ausreichend Gelegenheit, um über „soziale Werte, Träume und die Wirklichkeit“ nachzudenken – ohne dabei in Nostalgie abzugleiten.
Im Gegenteil: Social Pool setzt sich mit den grundlegenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten vierzig Jahre auseinander. Barsuglias Arbeit ist das Produkt einer Wirtschaftsordnung, in der die Kommerzialisierung der Privatsphäre keine dystopische Vorstellung, sondern Alltag ist. In diesem Szenario sollen Kunst und deren Vermittlung sich zunehmend an der Serviceindustrie orientieren, unterhaltsam sein statt humanistisch edukativ. Als ein Beispiel dieser Entwicklung mag die Renaissance der Live-Performance und des Tanzes im Museum gelten, die weitestgehend mit ihrer Wandlung zu einem käuflichen Gut und einem Werkzeug der Entertainmentindustrie einherging.
Der Titel von Barsuglias Arbeit spielt bewusst mit der Möglichkeit, dass man es bei Social Pool mit einer Art ästhetisch aufgewertetem Yoga-Unterricht zu tun haben könnte, mit einem Wochenendausflug, der weniger im Zeichen von Aufklärung und produktiver Ratlosigkeit angesichts eines rätselhaften Objekts steht, sondern vor allem der Entspannung dienen soll: Eskapismus statt Kritik, Ablenkung statt Überschreitung. Social Pool orientiert sich an der zeitgenössischen Konsumgesellschaft und ist wie ein Versprechen angelegt: eine Erfahrung, die einen verändern wird; Entspannung, innere Ruhe und Erfüllung in der Abgeschiedenheit. Dabei bleibt man selbstverständlich stets vernetzt, denn sonst findet man das Werk schlichtweg nicht.
Als Skulptur funktioniert Social Pool buchstäblich wie ein Bad, in das man eintaucht, um zu entspannen und abzuschalten. Auf scharfsinnige Weise führt Barsuglia die Bedeutungshorizonte von Begriffen wie Kunst, Pool (dem Symbol für sorglosen Wohlstand schlechthin, insbesondere in der Wüste), Entspannung und Natur zusammen. Social Pool wird dadurch zu einer hochkomplexen Nachbildung der ideologischen Widersprüche einer Gesellschaft, die Abgeschiedenheit und Ruhe zu Luxusgütern für den gestressten und dauerkommunizierenden Großstadtbewohner erhoben hat. Dieser Wunsch nach Zurückgezogenheit und persönlichem Genuss spiegelt sich auch im Design des Pools und im Nutzungskonzept wider: Das MAK Center for Art and Architecture in West Hollywood händigt Besuchern die geheimen GPS-Koordinaten zusammen mit einem Schlüssel aus, mit dessen Hilfe sich die Poolabdeckung öffnen lässt. Die Abdeckung sorgt dafür, dass das Wasser nicht verdunstet, und kann geöffnet als zusätzliche Liegefläche genutzt werden – eine erstaunliche Ingenieurs- und Designleistung. Zudem verfügt die Installation über ein automatisiertes Filter- und Chlorsystem, das von einer Solarzelle auf der Abdeckung betrieben wird. Der Pool ist in zwei Hälften unterteilt: die eine rechteckig und mit Wasser befüllt, die andere quadratisch und trocken (sie dient als Umkleidebereich). Im Wasserbecken ist gerade genug Platz für ein bis zwei Personen. Sitzt man auf der im Poolbereich eingelassenen Bank, verhindert die hohe Trennwand die Sicht auf das Nebenan. In einer Art Überdeterminierung der Ideologie der Installation bestimmte Barsuglia, dass nur Einzelpersonen oder kleine Gruppen die Arbeit nutzen dürfen und der Schlüssel nach maximal 24 Stunden zurück gegeben werden muss.
Mit seiner grotesken, sich ihrer selbst-bewussten Glätte und der unausgesprochenen Trotzhaltung gegen die umgebende Natur vereint Social Pool Elemente des Lächerlichen und des Erhabenen. Dass das Kunstwerk nur unter Mühen überhaupt zu erreichen ist, macht die Absurdität des Ganzen noch offensichtlicher. Vergleichbar ist diese Mühe mit der Suche nach dem ultimativen Rückzugsort: keine Internetrecherche ist zu langwierig, keine Flug-, Zug-, Bus- oder Schiffsreise zu mühsam, um endlich mal wieder richtig auszuspannen und ein oder zwei Wochen lang ein Stelldichein mit dem wahren Selbst zu feiern. Allerdings stellt für Barsuglia ein derartiger Rückzug aus der Gesellschaft keine Lösung dar. Man sollte ihn beim Wort nehmen, wenn er die langwierige, ohne GPS-Koordinaten unmögliche Anreise zu einer Zeit des Nachdenkens über unseren konsumorientierten und nach Unterhaltung gierenden Lebensstils umdeutet. Die Rückzugsmöglichkeit, die Barsuglia anbietet, ist kurzweilig, sie ist ichbezogen, sie folgt dem Lustprinzip und sie ist alles andere als egalitär. Kurzum: Sie entspringt dem Leben im Spätkapitalismus und der Du-hast-es-dir-verdient-Attitüde unserer Konsumgesellschaft. Barsuglia überlässt es ganz den Besuchern, was sie aus seinem Vorschlag machen. Ob der angesehene Job und die Wohnung in bester Lage eine so libidinöse Hingabe an den Status Quo wirklich rechtfertigen, muss jeder selbst entscheiden. Barsuglia gibt Ratschläge, keine Befehle. Vielleicht gleicht der Besuch bei Social Pool wirklich bloß einem Tag im Spa oder das Reiseziel entpuppt sich als ein bemerkenswertes Kunstwerk, vielleicht sogar als eine das weitere Leben verändernde Erfahrung; oder, wer weiß, möglicherweise läutet Social Pool den sanften Beginn einer gesellschaftlichen Revolution ein.

www.social-pool.com
en.wikipedia.org/wiki/Social_Pool
Social Pool – Reactivation 

 

 

Social Pool, 2014
Mojave Desert, in cooperation with the MAK Center for Art and Architecture, West Hollywood, CA / USA
Text: Stephanie Weber

Alfredo Barsuglia’s Social Pool is an eleven-by-five-feet wide pool in the Southern California desert, free for anybody to use. White, unadorned and geometric, it is formally reminiscent of a Minimalist sculpture. Located in a remote and scarcely populated geography – visitors are advised that several hours of driving from Los Angeles, plus a willingness “to walk a long distance to reach the pool from the nearest road,” are required to reach the destination – its location nods toward the phenomenon of large-scale Land Art installations in deserts around the American West, like Walter de Maria’s The Lightning Field in New Mexico, Robert Smithson’s famed Spiral Jetty, or Nancy Holt’s Sun Tunnels in Utah. Conceived in the 1970s by artists in and around New York, already then the epicenter of the contemporary art scene, these works bore a critical response to and refusal of both the increasing commodification and institutionalization of art and the rampant destruction of the ecological environment. While Barsuglia’s endeavor does share a palpable and explicit idealism as such – he suggests that the drive and walk to the pool should provide “time to reflect on social values, dreams and reality” – Social Pool is not a nostalgic affair.
On the contrary, the work embodies the massive socio-economic changes that have taken place in the last forty years. It thus understands itself as the product of an economy in which privacy and immateriality has been fully commodified. For many a consumer, art is expected to operate according to the principles of the service economy rather than following humanist ideals of intellectual or moral stimulus and education. It is more important today that museum visitors have a good time while visiting than that they be educated, touched, unsettled. Consequently, the revival of live performance and contemporary dance in the museum has largely been simultaneous with its subversion into a sellable asset and tool of entertainment, despite its (former) intrinsic potential to circumvent commercialization.
The title of Barsuglia’s work alone attests to his acute awareness that Social Pool might operate in ways more similar to a yoga lesson or vacation away from it all than as an enlightened dialog with an enigmatic object: escapism rather than critique, digression rather than transgression. In line with the demands of the larger consumer society, Social Pool was conceived of as an experience encompassing a potentially transformative journey, a promise of relaxation, the peace of remoteness, all while staying tuned in.
Social Pool is a sculpture that’s a bath, an artwork both literally immersive and forcibly relaxing. Astutely intertwining semantic constructs like contemporary art, the pool (the symbol of carefree wealth, even more so in the desert), relaxation and nature, Social Pool is a complex replica of the contradictions and ideology of contemporary society, where remoteness from others and quietude are luxuries for the ever-communicating city-dweller.
Barsuglia directly translates this desire for seclusion and individual enjoyment into the layout and concept of the project: GPS coordinates, otherwise kept secret, together with a key that opens the pool cover are provided to the willing visitor by the MAK Center for Art and Architecture in West Hollywood. In a feat of design and engineering, the pool cover also keeps the water from evaporating and serves, when opened, as an additional resting area. Bisected into two areas, one rectangular, one cubic, one filled with water, one dry (where visitors can change their clothes), the pool offers just enough space for one or two people to stand or sit on either of its sides (appropriately, a bench is built into each half). The walls of each pool segment are so high that the seated person cannot easily see whoever sits in the adjacent space, despite the fact that they are just next door. In a deliberate over-determination of the work’s suggested idiosyncrasies, Barsuglia stipulated that only one person or small party at a time can use the pool, and for no longer than 24 hours.
In its purposefully slick absurdity and inherent stance against nature – it even has an automatic, solar panel-operated filter and chlorine system – Social Pool combines elements of the sublime and the ridiculous. Its absurdity becomes even more tangible with the relative inconvenience of reaching it, similar to the pains one goes through to “get-away” – when no internet research is too time-consuming, no journey by plane, train, car, bus, or boat (or any combination of the above) is too arduous, to reach the location where one can relax and hopefully rediscover, at least for a week or two, one’s true self.
However, Barsuglia does not propose escape from society as a solution. He is genuine when phrasing the time spent driving to see Social Pool as an opportunity to reflect on our consumption and entertainment-driven lifestyle, and just as genuine when providing GPS coordinates to do so. The escape Barsuglia presents is temporary, it is futile and self-involved, it is pleasure-driven and it is not egalitarian – it is the embodiment of life in late capitalism and the treat yourself attitude of consumer society. Whether we follow Barsuglia’s advice and think about why we do what we do is as much up to us as the choice to question (and act upon) our libidinal investment in a prestigious job or precious apartment. His is a well-meaning advice, not an order. Maybe the trip to Social Pool will be just a trip to the spa, or a notable encounter with an artwork, possibly even a life-altering experience or, who knows, it could mark the modest beginning of a social revolution.

www.social-pool.com
en.wikipedia.org/wiki/Social_Pool
Social Pool – Reactivation

  1. Attachment ID: 903

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  2. Attachment ID: 927

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  3. Attachment ID: 904

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  4. Attachment ID: 906

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